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Die Orgel - Zur Bedeutung und Geschichte unserer musikalischen Schätze

Es gibt kaum ein Lexikon, das die Orgel nicht zur "Königin der Instrumente" erklärt. Schon nüchterner klingt es, wenn die Erläuterung folgt, dass es sich bei der Orgel um eine verschieden große Zahl von Pfeifen handelt, die künstlich angeblasen werden und über ausgeklügelte technische Systeme durch Klaviaturen für die Hände (Manuale) und die Füße (Pedal) zum Klingen gebracht werden. Vom Windwerk, Pfeifenwerk, Registerwerk ist dann die Rede. Von deren Vollkommenheit oder Zusammenwirken macht der Fachmann sein Urteil über die Qualität und Leistungsfähigkeit abhängig. Ungezählte Gutachten zu Orgelprüfungen, die in der kleinsten Dorfkirche oder im großartigen Dom einer Großstadt stattfanden, berichten seit Jahrhunderten darüber.

Auch die musikgeschichtliche Einordnung der Orgel ist wissenschaftich gesichert. Seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts ist sie in Europa bekannt. Und seit einem Jahrtausend gilt sie als Instrument der Kirche, um zum Lobe Gottes zu ertönen, ohne jedoch aufzuhören, auch in der außerkirchlichen Musik eine bedeutende Stellung einzunehmen. Es gibt kaum einen Komponisten von Rang und Name, der diesem Instrument seine Intuition nicht anvertraut hat. Groß ist die Dichterschar, die der Orgel weihevolle Verse schenkte, meist weit über dem stehend, was Weihegedichte in oft ungelenken Versen zusammen fassten. Bedeutende Maler wählten sie in irgendeiner Beziehung zum Modell. In jüngerer Zeit hat die Fotografie in ihr ein lohnenswertes Objekt entdeckt. Kurzum: Die Orgel als musikalischer Kunstgegenstand, als schöpferische Leistung kühnen menschlichen Denkens, hat zu allen Zeiten ihre Bewunderer gefunden, ganz abgesehen von ihrem eigentlichen Zweck, mit den eigenen Möglichkeiten der Musik die Menschen so oder so einzustimmen.

Viel sensibler geht man mit der Orgel heute in einer Dorfkirche um - oder etwa nicht mehr? Für die Kirchgemeinde ist und bleibt sie der musikalische Mittelpunkt, ob als elektronische Kirchenorgel - wie heute auch möglich oder als konventionelle, mit Luft betriebene Orgel. Seit Generationen hat sie den Choral der Gemeinde bzw. die Liturgie unterstützt. Die Altvorderen empfanden es wohltuend, wenn ihr Kirchgang durch ein Prä- bzw. Postludium - oft noch im Wettstreit mit dem vertrauten Glockengeläut - begleitet wurde. Die Beziehungen der Älteren zur Orgel lassen sich über heute kaum noch bekannte Indizien herstellen. Wer weiß schon noch, dass viele Namen aus der Gemeinde - oft waren es die Konfirmanden - an den kräftigen Hölzern der Bälgekammer stehen. Konflikte entstanden, wenn die Bälgetreter, die in jeder Kirchenrechnung auftauchen, das sonntägliche Orgelspiel des Schulmeisters in Bubenstreichmanier "in Luftnot" brachten. Der Blick hinauf auf die Orgelempore brachte für viele Menschen ästhetischen Gewinn. Die Schönheit eines Prospektes, seine Symbolik, seine Erhabenheit und Kunstfertigkeit wirkten auf die älteren Generationen bildend und gaben ihrer individuellen Denk- und Gefühlswelt eine künstlerische Richtung vor. Oder: Die Beschaffung einer neuen Orgel war für eine Kirchgemeinde immer ein großes, wenn auch seltenes Ereignis, das aber auch stets an die finanziellen Grenzen der Gemeinschaft ging. Alte Spendenlisten in den Kirchenarchiven bestätigen, dass in solchen Fällen die Kirchgemeinde immer besonders eng zusammen stand, um anstehende finanzielle Hürden zu meistern. Und nicht zuletzt: Kirchenorgeln können das Heimatgefühl stärken helfen, das Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit fördern. Gelten heute solche Werte noch? Zumindest kann man durch die Begegnung mit Orgeln in der Region an solche alten Tugenden erinnern und sie erneut auf den Prüfstand rufen. Das haben sich der Kirchenvorstand Bobenneukirchen und Pfarrer Hendrik Pröhl für das Jahr 2005 vorgenommen. Drei Orgelexkursionen in das ehemalige Grenzgebiet sind geplant. Sachsgrün, Regnitzlosau und Hranice/Roßbach sind die Zielorte. Die komplizierte politische Situation im westlichen Vogtland bis 1989 ließ die dort stationierten, historisch bedeutenden, noch funktionsfähigen Instrumente nahezu in Vergessenheit geraten. Die Aufgabe soll sein, diese kulturgeschichtlichen Zeugnisse den Leuten wieder nahe zu bringen und die kostbaren Instrumente als klingende Kunstdenkmale aus ihrer momentanen ideellen und musikalischen Lethargie heraus zu lösen.

Albin Buchholz, Plauen

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letzte Änderung am: 2 Dezember, 2014 18:28